Die Entdeckung des „Drosendorfer Mauerzapfens“
Da entdeckten sie nun ein eingebrochenes Gewölbe, durch dessen Decke der Arme in einen unterirdischen Keller gefallen sein musste. Auf wiederholtes Zurufen kam keine Antwort aus der modrigen Tiefe. Ein furchtloser Gemeindearbeiter mit Namen Vondracek erklärte sich darauf bereit, an einem Seil sich herabzulassen und Umschau zu halten. Der Mann verschwand und blieb verschwunden. Das Seil wurde ohne ihn wieder eingezogen.
Nun holte man eine Leiter herbei, senkte sie durch die Öffnung hinab und schickte eine Gruppe von gefahrenerprobten Feuerwehrleuten mit ihrem Hauptmann Franz Pupa an der Spitze in das finstere Loch. Als aber nach geraumer Zeit auch von denen keiner zurückkam, lief man sie auch sonst immer zum Bürgermeister Krestan um Hilfe. Der kam, und die Stadträte kamen hinterdrein, der Vizebürgermeister Trimmel wurde vom Wald geholt, und der Pfarrer Karasek durfte auch nicht fehlen, und hinter dem liefen die besorgten Frauen und neugierigen Kinder herbei. Es war, wie man so sagte, eine große Erregung.
Was sollte geschehen? Der Elektrikermeister Blazek war ein findiger Kopf, er ließ seinen Lehrbuben Walter eine Glühbirne an einem langen Draht montieren und senkte sie daran in die Tiefe. Da sah man nun die Vermissten allesamt friedlich schnarchend neben einem gewaltigen Fass liegen, aus dem der duftende Wein in einen überlaufenden Krug sprudelte. Der Entdecker des Fasses hielt noch den Spund in der Hand. Bald waren die so wenig standfesten Trinker geborgen und wurden auf die Mauerbrüstung zum Trocknen gelegt. Der Baumeister Gerhard Prkna leitete selbst die Bergung des Fasses, er bediente sich der Urkraft des Hammerschmiedes Müllner.
Der Pfarrer kostete den Wein, der so erstaunliche Wirkung getan hatte. Er kostet einmal, zweimal, dreimal, er drehte die Augäpfel himmelwärts und reichte ein frischgefülltes Glas dem ungeduldigen Bürgermeister. Der trank und schnalzte mit der Zunge. Die Herren des Rates leckten sich schon die Lippen. Doch dann wurde das Fass wieder verspundet und in die Gemeindestube verfrachtet. Dorthin zogen sich die Honoratioren und einige auserwählte Experten, wie der Postmeister Hannes Fröhlich, der Mechanikermeister Pock, die Altstadtwirtin Marie Theres, der Schneiderwirt, vom Goldenen Lamm der Failler Hannes, der Apotheker im weißen Mantel, der Oberschulrat, der einige Rechenstunden ausfallen ließ, die Hauer Marie und andere vielerprobte Kenner zu geheimer Sitzung zurück. Es soll dabei, wie man hört, mehr gesungen als geredet worden sein.
Am anderen Tag, erst zur Mittagszeit, wurde den staunenden Bürgern kundgetan, dass man in dem geheimen Gewölbe ein Fass mit Drosendorfer Wein gefunden hatte, der offenbar zum Besten gehörte, was man hierzulande, wo es verwöhnte Zungen gibt, je gekostet hatte. Man hatte den Schatz offenbar während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges hier eingemauert, um ihn nicht den Feinden in die Hände fallen zu lassen, und ihn später vergessen. Zum Glück für die durstigen Herren vom Gemeinderat.
Der emsige Stadtamtsdirektor Liegler, der als einziger klarer Kopf bewahrt hatte, hatte auch bereits in den Archiven die Lage des Weinberges ausfindig gemacht, auf dem diese edle Fechsung einst gezogen worden war. Und man war sofort mit dem Röschitzer Weinbauer Ewald Gruber Übereingekommen, dass er eigenes und ausschließlich für die Bürger der Stadt Drosendorf auf der angegebenen Riede Reben pflanzen sollte, damit die Trauben von den Gemeinderäten samt dem Bürgermeister geerntet werden, so wie es vor Jahr und Tag schon geschehen war zum Wohle aller Drosendorfer und ihrer Gäste, die hier gern ein Glas heben.
Zum Andenken an seine Wiederentdeckung wurde der Wein vom Pfarrer auf den Namen „Drosendorfer Mauerzapfen“ getauft.
Bei dieser Taufe wurde kein Wasser verwendet.
